Immaterielles Kulturerbe in Österreich

Nachdem die österreichische Esperanto-Gemeinschaft viel Engagement und Arbeit in einen intensiven Bewerbungsprozess gesteckt hat, liegt nun das erfreuliche Ergebnis vor: Die Österreichische UNESCO-Kommission hat die Esperanto-Kultur offiziell in das nationale Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Mit diesem Schritt wird anerkannt, dass die „Internacia Lingvo“ weit mehr als eine Plansprache ist – sie ist eine über Generationen gewachsene, lebendige Kultur, die tief in der österreichischen Geschichte verwurzelt ist.

Den Stein ins Rollen brachten die Vorbereitungen für den kommenden Weltkongress (UK) in Graz. Die Initiatoren Ewald Schick und Martin Gritsch wollten die Chance nutzen, Esperanto schon im Vorfeld des Kongresses ins Rampenlicht zu rücken. Ihr Ziel war zu zeigen, wie tief Esperanto in Österreichs Kultur verwurzelt ist, und ein Zeichen zu setzen, das noch lange nach dem Event in Graz nachwirkt. Dass dieser Plan aufging, ist einer großartigen Teamarbeit zu verdanken – viele Mitglieder der Esperanto-Gemeinschaft aus Österreich und weit darüber hinaus haben zu diesem Erfolg beigetragen.

Eine Bewerbung mit hohen Hürden

Wer es auf die UNESCO-Liste schaffen will, muss hohe Hürden nehmen. Das Herzstück unserer Bewerbung war ein umfangreiches Dossier, in dem die Geschichte unserer Kultur von den Anfängen bis heute nachgezeichnet wird. Es reicht aber nicht, nur zurückzublicken. Wir mussten überzeugend darlegen, warum Esperanto heute für die Gesellschaft wichtig ist und wie wir diese Tradition kreativ an die nächste Generation weitergeben.

Als wichtiger Ankerpunkt diente zudem das starke institutionelle Fundament für Esperanto in Wien: Mit der Sammlung für Plansprachen der Nationalbibliothek und dem Esperantomuseum verfügt Österreich über ein international beachtetes Zentrum für die „Internacia Lingvo“.

Esperantomuzeo Vieno

Esperantomuseum der Österreichischen Nationalbibliothek
Foto: Österreichische Nationalbibliothek

Rückenwind gab es auch von fachlicher Ebene: International angesehene Experten unterstützten die Bewerbung mit ihrem Wissen. In ihren Begleitschreiben erklären Professor Humphrey Tonkin (University of Hartford), der Diplomat und Sprachpolitiker Seán Ó Riain sowie unser langjähriger Mitstreiter Professor Michael Maitzen, warum Esperanto so besonders ist. Sie machen deutlich, dass hinter der bewusst entwickelten Sprache lebendige Traditionen und eine reichhaltige Kultur stecken, die den Kulturtraditionen natürlich gewachsener Sprachen in keiner Weise nachstehen.

Umfangreiche Dokumentation und breite Unterstützung

Ein wesentlicher Baustein für die positive Entscheidung der Kommission war das umfangreiche Dokumentationsmaterial, das die Bewerbung begleitete. Ein besonderes historisches Zeugnis stellte dabei ein Film über den Esperanto-Weltkongress 1970 in Wien dar: Die Aufnahmen zeigen unter anderem die Eröffnungsrede des damaligen Bundespräsidenten Franz Jonas in fließendem Esperanto – ein eindrucksvoller Beleg für die langjährige staatliche Anerkennung und gesellschaftliche Verankerung der Sprache in Österreich. Um auch die Brücke in die Gegenwart zu schlagen, wurde das Dossier durch aktuelle Beiträge ergänzt, darunter eine ORF-Sendung über das Wiener Esperantomuseum, Fotomaterial von Werbeaktivitäten der Gemeinschaft, sowie die neuesten Tourismusprospekte von Graz in Esperanto. So konnte anschaulich vermittelt werden, dass die Esperanto-Gemeinschaft heute ebenso relevant und aktiv ist wie in der Vergangenheit.

Aktionsstand der Esperanto-Gesellschaft Steiermark beim 13. Grazer Sprachenfest am 26. September 2025
Foto: Esperanto-Societo Stirio

Wesentlich für die Kommission war auch, dass die Einreichung von einer breiten Basis unterstützt wurde. Dies gelang durch die Sammlung von 74 Einverständniserklärungen, die der UNESCO-Kommission verdeutlichten, dass der Antrag von einer aktiven und engagierten Basis getragen wird.

Ein kompetitives Verfahren

Dass die Aufnahme in das Verzeichnis keineswegs garantiert war, zeigt die Selektionsquote der aktuellen Auswahlrunde. Die Kommission wandte ein strenges Prüfverfahren an: Von zwölf eingereichten Dossiers erhielten lediglich vier den Status als Kulturerbe. Die Tatsache, dass sich Esperanto in diesem kompetitiven Umfeld durchsetzen konnte, spricht für die Qualität unserer Bewerbung.

In ihrer Begründung hob die Kommission vor allem die starke gemeinschaftsbildende Kraft von Esperanto hervor. Als bewusst geschaffene Sprache gelinge es ihr auf einzigartige Weise, Menschen über alle nationalen und kulturellen Grenzen hinweg zu verbinden. Entscheidend für die Aufnahme war die Tatsache, dass Esperanto weit mehr als ein bloßes Verständigungsmittel ist: Die Sprache wird als lebendiger Träger kultureller Werte geschätzt, von der Gemeinschaft aktiv gepflegt und im Alltag gelebt.

Perspektiven und Mehrwert der Anerkennung

Mit der Aufnahme ist Österreich nach Polen (2014) und Kroatien (2019) das dritte Land weltweit, das diesen Schritt vollzieht. Dies hat unmittelbare praktische Auswirkungen: Die Bewegung erhält eine gesteigerte Sichtbarkeit und einen hoffentlich leichteren Zugang zu Fördermitteln. Zudem ermöglicht der Status eine engere Vernetzung mit anderen Trägern des Kulturerbes im In- und Ausland.

Die Anerkennung dient auch als Fundament für eine längerfristige Zukunftsstrategie. Geplant ist eine Intensivierung der Jugendarbeit und verstärkte Kooperationen mit Schulen und Universitäten. Ziel ist es, das Erbe nicht nur zu bewahren, sondern es für neue Zielgruppen attraktiv zu halten.

Sichtbares Zeichen der Anerkennung ist das spezielle Logo, das die österreichische Esperanto-Bewegung nun führen darf. Die feierliche Übergabe dieses Symbols ist für die Eröffnungsfeier des Weltkongresses in Graz vorgesehen. Es wird das erste Mal sein, dass der Weltkongress in einem Land stattfindet, das die Esperanto-Kultur kurz zuvor offiziell als schützenswertes nationales Erbe deklariert hat.

Auf der Webseite der österreichischen UNESCO-Kommission ist zudem der Esperanto-Kultur in Österreich ein eigener, attraktiver Eintrag gewidmet, wo das Bewerbungsdossier sowie die drei eingereichten Fachgutachten abgerufen werden können. Der Eintrag findet sich unter folgender Adresse:
Esperantokultur in Österreich / Esperantokulturo en Aŭstrio – Österreichische UNESCO-Kommission.

International könnte dieser Erfolg auch die Basis für eine künftige Bewerbung um die Aufnahme in die globale UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit bilden.

Dass dieser Meilenstein durch das Engagement der Basis erreicht wurde, ist für die Esperantosprechenden in Österreich und weltweit ein Zeichen der Wertschätzung und ein echter Motivationsschub für die Zukunft.

Martin Gritsch

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